gut zu (er)tragen? Impuls zum 16. Oktober: "Der lange Atem der Gerechtigkeit"


Zwangsarbeit, sklavenartige Zustände und auch Schuldknechtschaft – die International Justice Mission (IJM) arbeitet weltweit daran, dass Menschen aus Verhältnissen wie diesen befreit werden. Die Ungerechtigkeit, die diese Verhältnisse ermöglicht, entsteht nach Ansicht von Dietmar Roller, dem Vorsitzenden von IJM Deutschland, aus einem Mix von Ursachen: Da sind ungerechte Gesetze oder Gesetzeslücken, und da sind gute Gesetze, die aber zum Nachteil der Armen nicht umgesetzt werden. Letzteres passiert besonders dort, wo die Justiz korrupt ist. Kurzum: In vielen Ländern können sich gerade arme Menschen nicht auf ihre Rechtssysteme verlassen.

IJM will daran etwas ändern. Am Anfang steht die Einzelfallarbeit: Täter werden angeklagt, Opfer rehabilitiert. Aber hier bleiben sie nicht stehen. Sie wollen, dass politische und Rechtssysteme transformiert werden. Und was zeichnet ein gutes Rechtssystem aus? Regierungen, Polizei und Staatsanwaltschaften sind handlungsfähig. Alle Mitgliedereiner Gesellschaft, auch die Ärmsten, haben ohne Ansehen ihrer Person die gleichen Rechte. Das Recht kann nicht gebeugt werden. Zu einem guten Rechtssystem gehört auch, dass es dafür sorgt, dass Arbeitsbedingungen menschenwürdig sind.

Das, was IJM will, ist auch in der Produktionskette von Textilien wichtig. Hier gibt es Einzelfälle wortwörtlicher Sklavenarbeit, hier gibt es aber auch über die eng gefasste Definition von Sklaverei hinaus Arbeitsverhältnisse, bei denen die Menschenwürde gefährdet ist. Beides ist nötig: Dass Gesetze, die in den Produktionsländern schon erste Ansätze für mehr Menschenwürde und Sicherheit der Näherinnen garantieren sollen, auch umgesetzt werden. Und dass auf internationaler Ebene und bei uns bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden, die weltweit Sozialstandards garantieren. Das erfordert einen langen Atem und Mut, denn der Kampf gegen die strukturellen Ursachen von Armut und Ungerechtigkeit ist mühsam.

 


„Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher.“ (Lukas 18,3)

Dietmar schreibt dazu: "Witwen, das sind auch heute noch Frauen die oft zusammen mit ihren Kindern an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und keinen Zugang zu all dem haben, was ihnen rechtlich zusteht. So wie Mama Jonas in Uganda. Als ihr Mann starb, blieb sie mit ihren acht Kindern allein zurück. Schon bald machten Verwandte ihres Mannes Druck, um an das Erbe zu kommen. Ihr Haus wurde zerstört, nachts wurde sie bedroht. Ihre Kinder waren so verängstigt, dass sie kaum noch schlafen konnten. Aber Mama Jonas gab nicht auf, ließ sich nicht einschüchtern und kämpfte über lange Zeit um Recht und Gerechtigkeit. IJM unterstützte sie dabei. Nach einem langen Verfahren gab ihr der Richter Recht. Mama Jonas durfte ihr Haus und den Besitz behalten. Mehr noch: Diejenigen, die ihr Haus zerstörten, mussten es wieder aufbauen.

Arme sind Gewalt oft ohne Schutz ausgeliefert, obwohl das geschriebene Gesetz auch für sie gilt. Die Geschichte aus Lukas 18,2-5 wiederholt sich viele Tausende Male jeden Tag auf dieser Welt. Meint ihr nicht, dass der Gott der Gerechtigkeit uns seinen Kindern nicht nur Recht verschafft, sondern uns auch dazu berufen hat, uns für die Rechte der Armen einzusetzen, ganz praktisch und mit dem, was Gott uns gegeben hat? Auf internationaler Ebene wurde längst vereinbart, dass Arbeit für alle menschenwürdig sein soll. Aber weder die Herkunftsländer der Textilunternehmen noch die Produktionsländer nehmen diese internationalen Vereinbarungen bislang wirklich ernst. Der Mut und die Beharrlichkeit der Witwen sollte uns bei unserem Einsatz für Gerechtigkeit ein Vorbild sein."


Dietmar Roller ist Vorstandvorsitzender der International Justice Mission (IJM) Deutschland (Foto: privat).


Lesen:

  • Lukas 18,2-5


Fragen:

  • An welchen Stellen wünsche ich mir einen längeren Atem bei meinem Engagement für Gerechtigkeit?
  • Welche politischen oder strukturellen Ursachen von Ungerechtigkeit sollten wir besonders entschieden angehen?


Beten:

  • Für Mut, Ausdauer und Beharrlichkeit derer, die in der Politik aktiv sind oder politisch arbeiten.
  • Für einen langen Atem bei unserem Engagement für Gerechtigkeit.


Handeln:

  • Sich mit den Abgeordneten aus dem Wahlkreis auseinandersetzen und überlegen, ob ihre Positionen zu globalen Gerechtigkeitsfragen meine künftigen Gesprächsthemen mit Abgeordneten oder meine Wahlentscheidung beeinflussen.
  • Im Rahmen von „gut zu (er)tragen?“ ein Gespräch mit Bundestagsabgeordneten führen. Wie diese Gespräche auch im späten Oktober noch aussehen können, ist über eine Email an info@micha-initiative.de zu erfahren.


Mehr zur Kampagne auf www.gutzutragen.de.
Alle Impulse zur Aktionswoche hier als PDF herunterladen.