Micha-Kolumne: Eine Schale Reis - und ihre Folgen

 

Morgens kurz nach 6:00 Uhr; der Tag für die Familie beginnt. Der eine ist unter der Dusche, die andere stylt ihr Outfit, der Dritte umschleicht hungrig den Herd. Eigentlich wäre es der Moment, in dem man sich die Pausenbrote schmiert. Aber das ist in dieser Woche verpönt. Stattdessen stehe ich am Herd und koche genau 5 mal 120 Gramm Reis. Ich bin extra früh aufgestanden, damit die Portionen fertig sind, ehe für die beiden Schüler der Bus fährt. Wenn der Reis fertig ist, wird er sorgfältig auf fünf Teller aufgeteilt und mit einem „Namensfähnchen“ versehen. So kann jeder essen, wie und wann er Hunger hat.

Eigentlich waren wir überrascht, wie bereitwillig unsere drei Teenager sich für die Aktion „REICHT FAST(EN)?“ gewinnen ließen. Eher beiläufig hatte ich davon erzählt und Infokarten mitgebracht. Dann war meinem Mann ein Hinweis in die Hände gefallen und wieder stand die Frage im Raum: Eine Woche lang leben wie zwei Milliarden Menschen dieser Erde - machen wir da mit, halten wir das aus? Die Frage wurde vollmundig bejaht.

Wir haben es durchgehalten – nur auf den Kaffee wollten mein Mann und ich nicht verzichten. Und wem die Knie dann doch zu weich wurden, der durfte mal ein Glas Milch trinken oder einen Apfel essen. Was aber ist geblieben – heute, viele Monate und ein Weihnachten später?

Der Älteste unserer Söhne ist mittlerweile Student und sorgt selbst für sich. Er ist eisern sparsam geblieben und erklärte mir neulich: „Wenn Christen über ethische Fragen diskutieren, dann geht es noch viel zu wenig um unseren Reichtum. Dabei hat Jesus viel darüber gesagt.“ Bei den anderen beiden hat sich am Konsumverhalten nichts geändert. Sie essen, was auf den Tisch kommt und brauchen Kleidung und Schuhe, die eine mehr, der andere weniger.

Als diejenige, die beim Speiseplan das Sagen haben, versuchen mein Mann und ich bewusster zu handeln, z.B. (noch) weniger Fleisch zu essen und mit dem Resten unserer Mahlzeiten sorgsam umzugehen. Auch sagen wir uns: „Wann immer wir billig einkaufen, dann geht es auf Kosten eines anderen.“

In Summe allerdings finden wir nur schwer aus dem gewohnten Lebensstils heraus. Unsere Haushaltskasse ist im Augenblick durch hohe Fixkosten belastet. Wir sind manches Mal einfach darauf angewiesen, günstige Produkte zu finden. Auch ahnen wir, dass selbst ein bewusster Lebensstil als Bürger Europas die Welt ganz schön belastet.

Hat sich also die Woche mit einer nur einer Schale Reis am Tag gelohnt? Sie war auf alle Fälle ein Anfang, denn sie hat uns, was wir im Kopf wussten, am eigenen Körper erfahren lassen. Uns ist das Ungleichgewicht dieser Welt sozusagen auf den Leib gerückt. Und ansonsten? Wir bleiben einfach dran.

Maike Sachs ist Pfarrerin und Referentin im Amt für Missionarische Dienste der Evangelisch-Lutherischen Kirche Württembergs. Sie ist außerdem Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz. Mit ihrer Familie lebt sie in St. Johann bei Reutlingen.

Das Material von "REICHT FAST(EN)?" ist nach wie vor abrufbar auf www.reicht-fasten.de.