World-Vision-Chef über den weltweiten Kampf gegen die Armut: „Bei vielen Menschen geht es schlicht ums Überleben“

 

(idea, Friedrichsdorf, 12.11.2009) Im Jahr 2000 einigten sich 189 Staats- und Regierungschefs in der Millenniumerklärung der Vereinten Nationen, sich für den Kampf gegen Hunger und extreme Armut einzusetzen. Bis zum Jahr 2015 soll die Zahl der Armen auf 625 Millionen halbiert werden. Laut Weltbank lebt derzeit eine Milliarde Menschen in extremer Armut, das heißt von weniger als 1,25 Dollar pro Tag. Zahlreiche christliche Organisationen engagieren sich im Kampf gegen die Armut. Eine ist das Hilfswerk World Vision, das vor 30 Jahren in Deutschland, Österreich und der Schweiz seine Arbeit aufnahm. Arbeitsschwerpunkte sind Entwicklungszusammenarbeit, Katastrophenhilfe und entwicklungspolitische Anwaltschaft. Der Vorstandsvorsitzende von World Vision Deutschland ist Christoph Waffenschmidt (Friedrichsdorf bei Frankfurt am Main). Mit ihm sprach Karsten Huhn.


idea: Herr Waffenschmidt, es gibt einen bösen Spruch, der das Verhältnis zwischen Entwicklungshelfern und Empfängern beschreibt: „Wir tun so, als ob wir euch helfen, und ihr tut so, als ob ihr euch entwickelt.“

Waffenschmidt:
Das stimmt natürlich nicht – jedenfalls nicht für unser Hilfswerk! Ein Schwerpunkt unserer Arbeit sind die Kinderpatenschaftsprogramme: Der Spender unterstützt mit 30 Euro (45 Schweizer Franken) im Monat ein Kind, dessen Familie und das Umfeld, zum Beispiel durch Impfungen, Ernährungssicherung und die Ausstattung von Schulen mit Büchern. Unsere Hilfe versickert nicht in Regierungskanälen, sondern kommt nachweisbar direkt vor Ort an. Weltweit unterstützt World Vision so 3,6 Millionen Kinder.


idea: Kritiker werfen Patenschaftsorganisationen wie World Vision vor, dass deren Verwaltungskosten zu hoch seien.


Waffenschmidt: Im Geschäftsjahr 2008 lag der Anteil der Projektausgaben an den Gesamtausgaben bei 84%, 9% gaben wir für Verwaltung und 7% für Werbung aus. Ein Kontrollorgan – das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), das das Spendensiegel vergibt – bewertet diese Ausgaben als angemessen. Wir bieten unseren Spendern an, dass sie ihrem Patenkind schreiben und es sogar besuchen können. Das ermöglicht eine größere Identifikation mit den Projekten und ist zudem eine zusätzliche Kontrolle unserer Arbeit. Außerdem ermöglichen uns die Patenschaftsbeiträge eine gut planbare, langfristige Finanzierung unserer Projekte. In der Folge sind wir unabhängiger von schwankenden Spendeneinnahmen.

400.000 Verstümmelungen


idea: Das Bündnis zum Schutz von Mädchen vor Genitalverstümmelung kritisiert, dass bis zu 400.000 Patenmädchen nicht vor der äußerst schmerzhaften Beschneidung geschützt werden. Der Verzicht auf Genitalverstümmelungen sei weder in den Förderkriterien von Organisationen wie World Vision verankert, noch werde er aktiv eingefordert oder überprüft.


Waffenschmidt: Dieser Vorwurf trifft so nicht zu! Richtig ist, dass Genitalverstümmelungen die Würde der Mädchen verletzen und oft schwere körperliche und psychische Schäden verursachen. Deshalb lehnen wir sie auch ab. Die Frage ist nur, wie sich Genitalverstümmelungen verhindern lassen. Die Beschneidung wird in vielen Kulturen als Initiationsritus begangen, durch den ein Mädchen als erwachsene Frau anerkannt wird. Wir wollen die Bevölkerung aber nicht unter Druck setzen, sondern durch Aufklärungsarbeit davon überzeugen, auf Genitalverstümmelungen zu verzichten.


idea: Genitalverstümmelungen sind in der Tradition vieler nichtchristlicher Kulturen zutiefst verankert. Wie überzeugen Sie die Stammesführer, den Ritus aufzugeben?


Waffenschmidt: Zum Beispiel, indem wir alternative Zeremonien empfehlen, durch die Mädchen zur Frau werden. Würden wir unsere Hilfe davon abhängig machen, dass ein Stamm auf Genitalverstümmelungen verzichtet, würde dieser die Zusammenarbeit mit uns beenden, und wir hätten dadurch nichts erreicht. Im Übrigen: Lange Zeit hat man westlichen Helfern vorgeworfen, sie würden anderen Kulturen ihre Werte aufzwingen. Nun gehen wir zurückhaltender vor und plötzlich werden wir dafür kritisiert.

Die Armut halbieren?


idea: Die UNO hat sich in ihren Millenniumszielen vorgenommen, die weltweite Armut zu halbieren. Ist das bis 2015 noch zu schaffen?

Waffenschmidt: Wir waren da lange Zeit auf einem guten Weg. Durch die Wirtschafts- und Finanzkrise sind die Länder auf der südlichen Halbkugel aber wieder zurückgeworfen worden. Innerhalb des letzten Jahres stieg die Zahl der Hungernden um etwa 100 Millionen und liegt nun bei einer Milliarde Menschen.

idea: Die UN-Entwicklungsorganisation UNCTAD gab kürzlich bekannt, dass die Realisierung der Ziele „praktisch unmöglich“ geworden sei.

Waffenschmidt:
Realistisch gesehen werden die Ziele bis 2015 nicht erfüllt. Erfreulich ist jedoch, dass der politische Wille, sich für die Millenniumsziele einzusetzen, deutlich stärker geworden ist. Die Ziele bleiben auf der globalen Agenda!

Ist der Kampf gegen die Armut zu gewinnen?


idea: Ist der Kampf gegen Armut überhaupt zu gewinnen?

Waffenschmidt:
Dieser Kampf bleibt eine Sisyphus-Arbeit. Ich bin aber Christ und zudem auch noch Rheinländer – beides fördert eine optimistische Lebenseinstellung.

idea: „Arme habt ihr allezeit bei euch“, sagt Jesus Christus (Matthäus 26,11).

Waffenschmidt: Diese Aussage darf für uns aber kein Ruhekissen sein. Jesus sagt ja auch: „Was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40). Mein Nächster – das ist eben auch das hungernde Kind in Afrika. Im nächsten Jahr wird die Micha-Initiative der Evangelischen Allianz eine deutschsprachige Bibel herausbringen, in der alle Stellen rot markiert sind, in denen über Armut und Gerechtigkeit gesprochen wird. Würde man alle diese Stellen aus der Bibel rausschneiden, wäre das ein ziemlich zerfleddertes Werk.

idea: Christlichen Hilfsorganisationen wird häufig vorgeworfen, dass sie Entwicklungshilfe mit Mission verquicken.

Waffenschmidt:
Wir sind eine christliche Hilfsorganisation mit einem diakonischen Auftrag. Die Bibel bildet dabei das Fundament für unsere Arbeit. Wir betreiben aber keine Mission. Wir versuchen, vor allem durch unsere Taten unseren Glauben zu bezeugen.

idea: Hilft „World Vision“ nur denen, die bereit sind, sich taufen zu lassen?


Waffenschmidt:
Nein, unsere Hilfe gilt bedingungslos allen – unabhängig davon, was sie glauben. Wenn ein Moslem verhungert oder ein Buddhist in Armut lebt, sehen wir darin genauso unsere Aufgabe, als wenn ein Christ an ihrer Stelle wäre.

idea: Führen Sie Bibeln mit im Gepäck?

Waffenschmidt:
Nicht aus missionarischen Zwecken. Aber natürlich fordern wir von unseren Mitarbeitern nicht, dass sie ihren Glauben geheim halten oder verleugnen.

idea: Was unterscheidet World Vision von anderen christlichen Hilfsorganisationen wie der Kindernothilfe (Duisburg) oder dem evangelikalen, seit einiger Zeit auch in Deutschland und der Schweiz tätigen Kinderhilfswerk Compassion?

Waffenschmidt:
Wir verfolgen grundsätzlich dieselben Ziele und arbeiten beispielsweise in der Micha-Initiative zusammen, die christliche Überzeugungen bündelt, um auf die Entwicklungspolitik Einfluss zu nehmen.

100 Milliarden für eine Bank, keine 15 für Hungernde


idea: Bisher liegt der Anteil der Entwicklungshilfe am deutschen Bruttosozialprodukt bei 0,38% (Schweiz: 0,41%). Eines der Millenniumsziele ist es, den Anteil eines jeden Geberlandes auf 0,7% zu erhöhen. Gilt hier das Motto: „Viel hilft viel“?

Waffenschmidt: Dieses Geld ist einfach nötig, um den Entwicklungsländern wirksam zu helfen. Allein für die Rettung der Hypo Real Estate Bank hat die deutsche Bundesregierung etwa 100 Milliarden Euro bereitgestellt; der gesamte Etat des Entwicklungshilfeministeriums beträgt dagegen nur 5,8 Milliarden Euro. Um die 8,8 Millionen Kinder unter fünf Jahren, die jährlich an Unterentwicklung sterben, gesund zu ernähren, bräuchte man etwa 15 Milliarden Euro pro Jahr. Mehr Geld – sinnvoll eingesetzt – bedeutet tatsächlich auch mehr Hilfe!

idea: „Warum ist Afrika nach Billionen Dollar Hilfsgeldern ärmer als je zuvor?“, fragt die sambianische Ökonomin Dambisa Moyo. Sie empfiehlt eine Streichung aller Entwicklungshilfe.

Waffenschmidt: Die Frage ist berechtigt. Manchmal kriegt man den Eindruck: Es ist über Jahrzehnte so viel investiert worden, was hat sich eigentlich verändert? Die Wirksamkeit von Entwicklungshilfe muss stärker überprüft werden. Entwicklungshilfe wurde lange Zeit als machtpolitisches Instrument des Kalten Krieges benutzt. Erst seit Anfang der 90er Jahre ist die Hilfe effektiver geworden.

Ist Entwicklungshilfe schlecht?


idea: Dem würde der britische Soziologe Graham Hancock widersprechen. Er sagt: „Entwicklungshilfe ist durch und durch schlecht und nicht reformierbar.“

Waffenschmidt:
Das glaube ich nicht! Entscheidend ist, dass Entwicklungshilfe Menschen in die Lage versetzt, eigenständig zu werden und sich selbst zu helfen. Wir gehen nicht in die Länder, um dort dauerhaft zu bleiben, sondern begrenzen unsere Projekte auf eine Höchstdauer von 15 Jahren.

idea: World Vision ist in 98 Ländern tätig, beschäftigt 40.000 Mitarbeiter und hat einen Jahresumsatz von 2,6 Milliarden Dollar – ein riesiger Konzern!


Waffenschmidt: Ich würde eher von einer Bürgerbewegung der Nächstenliebe sprechen. Der größte Teil der Mitarbeiter arbeitet vor Ort in den Projekten und sorgt dafür, dass die Hilfe auch ankommt.

idea: Die Hilfsorganisation Medico International schreibt: „Tatsache ist, dass manche dieser Nichtregierungsorganisationen zum Quasi-Staat werden – ‚sanfter Kolonialismus’ nennen das gleich mehrere unserer Gesprächspartner. In Kattankudy (Sri Lanka) könnte ‚World Vision’ diese Rolle zufallen: An jeder Straßenecke prangt deren Logo, wird darauf verwiesen, dass hier ein Wassertank, ein Kindergarten, ein Siedlungsprojekt von World Vision realisiert wird.“


Waffenschmidt:
Wir müssen lernen, die Balance zu halten. Hilfe darf nicht zum Selbstzweck werden. Häufig ist es so, dass man wächst und wächst, weil auch die Bereitschaft zu spenden zugenommen hat. Ich gebe ein selbstkritisches Beispiel: Letztes Jahr war ich in der Mongolei, wo wir junge Frauen zu Näherinnen ausbilden. Auf den von uns angeschafften Nähmaschinen prangten vorn, hinten und oben „World Vision“-Aufkleber. Das fand ich völlig unangemessen.

„Tödliche Hilfe“?


idea: Brigitte Erler, ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und frühere deutsche Amnesty-International-Generalsekretärin, schreibt in ihrem Buch „Tödliche Hilfe“: „Entwicklungshilfe schadet allen, denen sie angeblich nützen soll, ganzen Ländern wie einzelnen Betroffenen. Sie muss deshalb sofort beendet werden. Ohne Entwicklungshilfe ginge es den Menschen in den Ländern der Dritten Welt besser.“

Waffenschmidt:
Das Buch ist jetzt 24 Jahre alt – und die Aussagen sind doch etwas veraltet. Seitdem hat sich Entwicklungshilfe deutlich weiterentwickelt. Mein Traum ist es, dass staatliche Entwicklungshilfe mit Unternehmen sowie privaten Initiativen wie World Vision so zusammenarbeitet, dass es einen dauerhaften Aufschwung für die Armen gibt.

idea: Das wäre für den ghanaischen Ökonomen George Ayittey vermutlich ein Albtraum. Er sagt: „Afrikanische Probleme müssen von Afrikanern gelöst werden.“


Waffenschmidt:
Die Unternehmen können ja auch ghanaische Unternehmen sein. Entwicklungshilfe soll immer nur ein Anschub sein. Wir wollen ja gar nicht dauerhaft vor Ort bleiben. Wir wollen die Menschen befähigen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Wenn wir ein Projekt beginnen, setzen wir uns immer mit dem ganzen Dorf zusammen und fragen die Einwohner, was ihr größtes Problem ist. Die Einwohner müssen hinter dem Projekt stehen.

Am besten sind Kleinkredite


idea: Auch der peruanische Ökonom Hernando de Soto plädiert für ein Ende der Entwicklungshilfe, weil sie Korruption fördere und Eigeninitiative verhindere. Er schreibt: „Wohltätigkeit geht nicht an die Wurzeln der Armut. Erfolgreicher als alle Milliardengeschenke sind Privateigentum, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft.“

Waffenschmidt:
Tatsächlich entsteht echte Veränderung nur, wenn man wirtschaftliche Anreize schafft. Deshalb halte ich die Kleinkredite, die wir an Unternehmer vergeben, für eines der besten Instrumente, die es derzeit gibt.

Ohne Alternative


idea: Sie arbeiten an der Basis – doch die politischen Systeme sind oft korrupt, die Bürokratien schwerfällig und die Märkte funktionieren nicht. Müssten Sie nicht politische, juristische und ökonomische Berater in die Entwicklungsländer senden?


Waffenschmidt: Die Graswurzelarbeit ist ohne Alternative – weil es bei vielen Menschen schlicht ums Überleben geht. Es ist uns aber bewusst, dass sich auch politisch etwas verändern muss. In Deutschland führen wir deshalb schon seit längerer Zeit Gespräche mit dem Entwicklungshilfeministerium und mit Bundestagsabgeordneten. Auch in Entwicklungshilfeländern entdecken wir zunehmend die Bedeutung der politischen Anwaltschaft für die Armen. In Kenia haben wir die Regierung zum Beispiel darauf hingewiesen, dass es zu wenige Hebammen gibt – dieser Hinweis ist auch gehört worden.

idea: Hilfsorganisationen haben das Ziel, sich selbst überflüssig zu machen. In wie vielen Jahren wird sich World Vision auflösen?


Waffenschmidt:
Ich hoffe natürlich, dass wir bald überflüssig werden. Der realistische Blick auf unsere Welt, zum Beispiel auf die Zunahme an Naturkatastrophen, lässt mich aber befürchten, dass wir noch lange gebraucht werden.

idea: Danke für das Gespräch!